Film­kri­tik: Fal­con Lake

Von Juli­us Kuebart

(K)eine Schwes­ter? – Char­lot­te Le Bons Fal­con Lake über­zeugt als fil­mi­sche Gra­phic Novel mit düs­te­rem Anschlag.

Nur die ers­ten Töne, die ers­ten gebro­che­nen Akkor­de des Stü­ckes wer­den ange­spielt. Aber das genügt, um die ver­trau­ten Klän­ge der wahr­schein­lich bekann­tes­ten Sona­te Beet­ho­vens zu erken­nen – die Mond­schein­so­na­te, qua­si una fan­ta­sia. Nur eine kur­ze, schnell ver­klun­ge­ne Sze­ne. Aber düs­ter nach­hal­lend. Sie ver­eint als klang­li­ches Sinn­bild ide­al die zwei zen­tra­len The­men des Films: eine jugend­li­che Lie­bes­schwär­me­rei, über der von Beginn an eine Schwe­re, Bedroh­lich­keit, ein dunk­ler Schat­ten schwebt. Und gleich­sam einer Fan­ta­sie treibt angeb­lich sogar ein Geist sein Unwe­sen im nahen See – ein fan­tas­ti­sches Ende ist da vor­pro­gram­miert. Das mag wie eine hoff­nungs­los über­stra­pa­zier­te Aus­gangs­si­tua­ti­on klin­gen und auf den ers­ten Blick auch tat­säch­lich so wir­ken – dann packt der Film einen doch.

Aber von vor­ne. Durch­aus vir­tu­os führt uns die kana­di­sche Regis­seu­rin Char­lot­te Le Bon in die Hand­lung und Umge­bung ihres Spiel­film­de­büts ein. Aus­führ­lich wird die kana­di­sche Natur vor­ge­stellt und man merkt schnell, dass die Regis­seu­rin sich hier auf einem ver­trau­ten Ter­rain befin­det, aus ihrer Kind­heit wie sie in einem Inter­view angibt. Die Schau­plät­ze, der trü­be See „mit sei­nem dunk­len, bedroh­li­chen Was­ser“ und selbst die ein­zel­nen Bäu­me wir­ken mit Bedacht aus­ge­wählt. Aus­blei­ben­de Musik ver­stärkt die­sen Ein­druck, wirft mit lau­ter Stil­le aber ers­te Schat­ten auf die Atmo­sphä­re. Schnel­le Schnitt­fol­gen kon­tras­tie­ren star­re Sze­nen und es ent­steht mit unspek­ta­ku­lä­ren, fast mini­ma­lis­ti­schen Mit­teln eine wir­kungs­vol­le Bild­äs­the­tik – kei­nes­falls zufäl­lig, denn sub­til wird so die lite­ra­ri­sche Vor­la­ge des Films samt Gen­re visu­ell auf­ge­grif­fen: die Gra­phic Novel Une Soeur (dt.: Eine Schwes­ter) von Bas­tien Vivès.

Eben­so por­trait­haft wer­den wir den Prot­ago­nis­ten vor­ge­stellt: der 13-jäh­ri­ge Bas­tien, der mit sei­nen Eltern und sei­nem klei­nen Bru­der Titi den Som­mer­ur­laub am titel­ge­ben­den Fal­con Lake ver­bringt. Es könn­te also ein ruhi­ger Fami­li­en­ur­laub wer­den – bis Bas­tien des Nachts bei Blitz und Don­ner und – natür­lich – bei Mond­schein einen Blick auf sei­ne drei Jah­re älte­re Zim­mer­nach­ba­rin erhascht. Die Fami­lie ist zu Gast bei einer Freun­din der Eltern und deren Toch­ter, der sech­zehn­jäh­ri­gen Chloé. Läs­sig, cool und erst­mal alle igno­rie­rend tritt sie auf, ent­puppt sich aber schnell als eine ein­sa­me und düs­ter-sym­pa­thi­sche Figur, mit einem Hang zum Dra­ma. Es ent­spinnt sich in der Fol­ge eine schwer zu defi­nie­ren­de Bezie­hung zwi­schen den zwei jugend­li­chen Haupt­cha­rak­te­ren. Es geht um Ado­les­zenz in ihren Abstu­fun­gen, Ver­wir­run­gen und Gefah­ren, com­ing of age at its best. Chloé wird dabei für Bas­tien zu einer Art gro­ßen Schwes­ter, die ihn in die­se Auf­re­gun­gen ein­führt: der ers­te Alko­hol, die ers­te Ziga­ret­te, der ers­te Joint – aber auch wei­te­re ers­te Male, denn Chloé strahlt par­al­lel eine enor­me kör­per­li­che Anzie­hung auf Bas­tien aus und genießt gera­de­zu das Alters- und Macht­ge­fäl­le. Bas­tien läuft meis­tens nur (ihr) hin­ter­her. Zwi­schen sei­nem kind­li­chen klei­nen Bru­der Titi, der voll­pu­ber­tä­ren Chloé und ihren voll­jäh­ri­gen Freun­den steht Bas­tien genau auf der Schwel­le – und wort­wört­lich im Mit­tel­punkt, denn fil­misch wird Bas­tien in Dia­lo­gen und Hand­lungs­hö­he­punk­ten des Öfte­ren durch­gän­gig in Groß-Ein­stel­lun­gen fokus­siert. Es geht auch um sei­ne bestimm­te Per­spek­ti­ve, um das Spiel und Auf­bre­chen der ver­meint­li­chen Altersgrenzen.

In der Gra­phic Novel reiz­te Bas­ti­an Vivès vor allem die Gren­ze und inzes­tuö­se Anspan­nung der geschwis­ter­li­chen, aber gleich­zei­tig sexu­el­len Bezie­hung deut­lich wei­ter aus und gestal­tet die Hand­lung mit mehr Tie­fe. Die Film­ad­ap­ti­on ver­sucht statt­des­sen auch die Abgrün­de einer Com­ing-of-age-sto­ry abzu­bil­den. Gera­de durch den bedach­ten Ein­satz von Musik, bzw. ihr bewuss­tes Weg­las­sen wer­den dunk­le­re Töne ange­schla­gen und die Span­nung gestei­gert. Und kommt Musik, wie das wie­der­keh­ren­de Leit­mo­tiv des Sees, wird durch die fast mys­ti­schen Klän­ge von Klô Pel­gag die dra­ma­ti­sche Erwar­tungs­hal­tung wei­ter genährt – irgend­wann muss hier doch mal jemand ster­ben! Die düs­te­re Rah­mung spielt bewusst mit unse­rer Erwar­tungs­hal­tung, teil­wei­se her­aus­for­dernd und komisch mit wie­der­hol­ten Anspie­lun­gen auf ‚typisch‘ dra­ma­ti­sche Sze­nen. Gleich­zei­tig stol­pert der Film damit aber des Öfte­ren ins ober­fläch­lich Vor­her­sag­ba­re – dem ers­ten Alko­hol folgt die ers­te Übel­keit und auch die obli­ga­to­ri­sche Mut­pro­be darf nicht fehlen.

Es ist eine Balan­ce, zwi­schen düs­te­ren Vor­ah­nun­gen und unbe­schwer­ten Eska­pa­den, zwi­schen Authen­ti­zi­tät und Kli­schee. Spä­tes­tens der Schluss über­rascht aber, so offen­sicht­lich er sich auch abzu­zeich­nen ver­mag, und sorgt für einen Kipp­mo­ment in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung. Der Film unter­hält, solan­ge er läuft – und ist nicht direkt ver­klun­gen, son­dern hallt gleich der Mond­schein­so­na­te dun­kel nach.