Eine filmische Adaption ist weit mehr als die bloße Bebilderung eines Textes. Während Literatur durch die Vorstellungskraft der Lesenden entsteht, fixiert der Film die Welt durch konkrete Bilder und Töne. Ziel ist es, die „Essenz“ des Originals zu bewahren, während man die spezifischen Möglichkeiten und Grenzen des Kinos nutzt.
Im Rahmen des Netzwerktags wollen wir in verschiedenen Veranstaltungsformaten die Herausforderungen und Hürden des Transferprozesses beleuchten und darüber in den Austausch kommen. Und letztlich Denkanstöße geben, wie auch in Westfalen und jenseits von Bestsellerverfilmungen Adaptionen von literarischen Werken gelingen können.
Ein häufiger Diskussionspunkt ist die „Werktreue“. In der Medienwissenschaft gilt heute: Eine gute Adaption muss dem Medium Film treu sein, nicht zwingend jedem Satz des Buches. Es gilt, die Balance zwischen der Original-Atmosphäre und einer eigenständigen filmischen Vision zu finden.
Folgende Diskussionsfragen begleiten uns durch den Netzwerktag: Kann eine „freie Interpretation“ dem Original treuer sein als eine wortgetreue Verfilmung? Welche literarischen Mittel (z. B. unzuverlässiges Erzählen) lassen sich nur schwer verfilmen? Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, auch im Low-Budget-Bereich Literaturadaptionen zu realisieren?
Ablauf des Netzwerktages:
10:00 Uhr
Filmfrühstück
Ein gemeinsamer Auftakt bei Kaffee und Brötchen zum besseren Kennenlernen der weiteren Teilnehmenden. In Kooperation mit dem Filmservice Münster.Land.
11:30 Uhr – 12:00 Uhr
Impulsgespräch: „Die Essenz finden“
mit Constantin Lieb (Drehbuchautor)
Constantin Lieb ist einer der derzeit renommiertesten Drehbuchautoren. Er war u. a. Stipendiat der Villa Aurora in Los Angeles und ist Mitglied der Deutschen sowie Europäischen Filmakademie. Für seine Arbeit an der TV-Serie Eden wurde er mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Für die von Dominik Graf inszenierte Erich Kästner-Adaption Fabian oder Der Gang vor die Hunde wurde er für den Deutschen Filmpreis nominiert. Zuletzt adaptierte er Maxim Leos Roman Der Held von Bahnhof Friedrichstraße, aktuell arbeitet er mit Dominik Graf an einer Adaption seines Debütromans Wildboden.
Wir sprechen mit Constantin Lieb darüber, wie man den Kern eines Romans oder einer Kurzgeschichte identifiziert, ohne sich in Nebenhandlungen zu verlieren.
12:00 Uhr – 13:30 Uhr
Pitching Session
Im Rahmen der Pitching Session haben fünf Filmemacher:innen und Filmteams die Gelegenheit, ihre Filmvorhaben vor einer professionellen Jury zu präsentieren. Bei dieser Veranstaltung geht es darum, in einer kurzen, prägnanten Präsentation von nur fünf Minuten die Jury von der Qualität und Originalität ihrer Ideen zu überzeugen. Während dieser Zeit müssen die Teilnehmenden ihre Vision, die Storyline und die Motivation hinter ihrem Projekt überzeugend darlegen, um sich eine Förderung des Kulturamts Münster zu sichern.
Diese Veranstaltung dient den Zuschauenden als unmittelbarer Einblick in neue filmische Ideen, kreative Arbeitsprozesse und die Realität unabhängiger Filmproduktion. Die Besucher:innen erleben hautnah, wie Projekte entstehen, präsentiert und verteidigt werden müssen, um Förderungen und Unterstützung zu erhalten.
Mittagspause
14:30 Uhr – 15:30 Uhr
Case Study Superbuhei: „Die Transformation vom Text zum Bild“
mit Janina Sara Hennemann (Produzentin), Josef Brandl (Regie & Drehbuch) und Sven Amtsberg (Autor der Vorlage)
2017 veröffentlichte der Hamburger Autor Sven Amtsberg sein furioses Romandebüt Superbuhei, 2024 entstand unter der Regie von Josef Brandl ein Kurzfilm auf Grundlage des Buchs, in diesem Herbst kommt seine Spielfilmadaption mit Oliver Korittke in der Hauptrolle in die Kinos. In dieser Case Study sprechen wir mit Sven Amtsberg, Josef Brandl und Produzentin Janina Sara Hennemann über den Weg von der Romanvorlage – über den Kurzfilm – zur Adaption für einen Kinofilm. Im Zentrum steht die Frage, wie die spezifische Erzählstimme der Vorlage in eine audiovisuelle Ästhetik übersetzt wurde und welche dramaturgischen Entscheidungen die Neuinterpretation prägen.
Kaffeepause
16:00 Uhr – 16:30 Uhr
Rechtliche Rahmenbedingungen: „Von der Option zum Drehbuch“
mit Aaron Boris Rothe (Rechtsanwalt)
Bevor die erste Zeile geschrieben wird, müssen die Urheberrechte gesichert sein. Der Rechtsanwalt Aaron Boris Rothe ist als Partner von FISCHER & PARTNER Rechtsanwälte in Köln auf Fragen des nationalen und internationalen Urheberrechts spezialisiert. Zudem befasst er sich mit den Rechtsgebieten, die bei der Entwicklung, Finanzierung, Herstellung und Verwertung von Kunst‑, Kultur‑, Film- und Medienproduktion relevant sind. Er klärt über den Weg der Rechteerwerbung auf sowie den Sonderfall der Gemeinfreiheit.
16:30 Uhr – 18:00 Uhr
Panel-Diskussion: „Werktreue vs. Künstlerische Freiheit“
mit Wiebke Becker (Regie & Drehbuch nach der Romanvorlage Am Tag des Weltuntergangs verschlang der Wolf die Sonne von Sina Scherzant), Carla Kaspari (Autorin der Romanvorlage Freizeit) & Michel Dulisch (Regie & Drehbuch)
Die Regisseurin und Drehbuchautorin Wiebke Becker, Absolventin der Hamburg Media School, bereitet derzeit für die Dortmunder Produktionsfirma Sally Forth Cinema ihr Langfilmdebüt vor, eine Adaption von Sina Scherzants Roman Am Tag des Weltuntergangs verschlang der Wolf die Sonne, unterstützt durch eine Drehbuchförderung der Film und Medien Stiftung NRW.
Michel Dulisch, Absolvent der KHM, arbeitet zur Zeit gemeinsam mit Carla Kaspari an seinem Spielfilmdebüt, der Adaption ihres Romans Freizeit. Auch dieses Projekt erhielt eine Drehbuchförderung der Filmstiftung.
Wir sprechen mit beiden Teams über ihre Drehbuchentwicklungen, ihre dramaturgischen Entscheidungen und die Herausforderungen, dem Original gerecht zu werden und gleichzeitig einen eigenständigen Film zu erschaffen.
20:00 Uhr im Schloßtheater
Filmvorführung Liebhaberinnen mit anschließendem Q&A
Mit dieser modernen Adaption von Elfriede Jelineks Roman Die Liebhaberinnen inszeniert Regisseurin Koxi einen absurd-humorvollen und bittertragischen Film, der uns daran erinnert, wie sehr wir auch heute der Ökonomie der Liebe und der Selbstausbeutung ausgeliefert sind.
Anschließend Filmgespräch mit Regisseurin und Drehbuchautorin Koxi und Produzentin Christine Kiauk.
im Anschluss Get Together
Abschließendes Networking im Kinofoyer
